Was ist Web 2.0?
Um eines vorweg klarzustellen: Eine eindeutige Definition für den Begriff „Web 2.0" gibt es bisher nicht. Tim O'Reilly, „Wortschöpfer" des Begriffs, formulierte es in seinem wegweisenden Artikel „What is Web 2.0?" aus dem Jahr 2005 so: „Wie viele andere wichtige Konzepte hat Web 2.0 keine genauen Begrenzungen, sondern vielmehr ein Gravitationszentrum."
Noch vor zehn Jahren dominierten im Internet meist nur schwach vernetzte Insellösungen. Über Inhalte bestimmten im wesentlichen einige große Content-Anbieter. Benutzer waren Konsumenten, die sich vorwiegend auf den Abruf von Informationen beschränkten.
Heutige Web-Angebote bieten jedoch weitaus mehr Möglichkeiten:
Das Web als Plattform
Software-Anwendungen stehen als Web-Anwendungen im Internet zur Verfügung und verdrängen langsam herkömmliche Client-Anwendungen. Web 2.0 verspricht ein rein browserbasiertes Arbeiten.
Benutzer als Autoren des Internets
Benutzer werden als Autoren aktiv (User-generated Content) und nehmen verstärkt Einfluss auf die Meinungsbildung. Online-Plattformen werden durch die Vielzahl von Benutzerbeiträgen besonders attraktiv und erzeugen weiteres Interesse.
Nutzung kollektiver Intelligenz
Durch eine Vielzahl von Autoren entsteht eine Selbstkontrolle der Benutzer. Fehler werden zeitnah erkannt und korrigiert. Qualitativ hochwertige Wissensplattformen können mit Unterstützung der Benutzer schnell aufgebaut werden.
„Software als Dienstleistung"
Produktlebenszyklen, die bisher von einzelnen Releases bestimmt werden, weichen einer kontinuierlichen Anpassung der Software an die Marktbedürfnisse. Software befindet sich im „ewigen Beta-Stadium" und wird laufend optimiert.
Standardisierung
Standardisierung war eine Voraussetzung für den Durchbruch des Internets. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Der Austausch und die Verknüpfung von Daten unterschiedlicher Systeme ist nur möglich, wenn alle Systeme die gleiche Sprache sprechen. Neben HTML leistet der Erfolg von XML als standardisiertes Regelsystem einen entscheidenden Beitrag für Web-2.0-Anwendungen.
Offene Schnittstellen
Viele populäre Online-Angebote verknüpfen Daten unterschiedlicher Quellen, um auf diese Weise vorhandene Informationen in einen neuen Zusammenhang zu stellen. Voraussetzung für die Verknüpfung ist, dass Content-Anbieter offene Schnittstellen bereitstellen.
Technologische Grundlagen
Web 2.0 hat aus technologischer Sicht das Internet nicht neu erfunden. Bewährtes wird heute neu kombiniert und an veränderte Anforderungen angepasst. Ajax, Web Services und RSS zeigen, wie seit Jahren bekannte Technologien in modifizierter Form für Web 2.0 genutzt werden.
Ajax (Asynchronous JavaScript and XML)
Durch die Kombination von HTML, JavaScript, DOM (Document Object Model) und XMLHttpRequest müssen in Ajax-Anwendungen Web-Seiten nach Benutzeraktionen nur partiell neu geladen werden. Der Vorteil für Benutzer ist offensichtlich: Das Web erhält durch schnellere Reaktionszeiten erstmals einen Komfort, der bisher nur Client-Anwendungen vorbehalten war.

Prinzip einer Ajax-Anwendung
Web Services
Web Services dienen dem Austausch von Daten und Funktionen zwischen unterschiedlichen Software-Systemen auf der Grundlage XML-basierter Nachrichten. Der Anbieter eines Web Services stellt über eine offene Schnittstelle ausgewählte Dienste zur Verfügung, die über bereitgestellte Schnittstellen angesprochen werden können. Ein bekanntes Beispiel für Web Services ist das Angebot von Google Maps. Die von Google bereitgestellten geografischen Daten können hier mit spezifischen Standortinformationen verknüpft werden.
RSS
Mit RSS (Really Simple Syndication), ebenso ein XML-basiertes Datenformat, können Content-Anbieter Aktualisierungen ihrer Web-Seiten im Internet bekanntgeben. Neu veröffentlichte Inhalte werden auf Endgeräte von RSS-Abonnenten geladen und können dort gelesen oder wiederum in eigene Web-Angebote integriert werden. Eine RSS-Datei besteht aus RSS-getaggtem Text.
Web 2.0 und Technische Dokumentation
Schon heute sind Web-2.0-Anwendungen in der Technischen Dokumentation weit verbreitet. Sie beeinflussen die Kommunikation sowohl zwischen Kunden und Herstellern als auch die Prozesse innerhalb der Technischen Dokumentation.
Kommunikation zwischen Kunde und Hersteller
Einer Studie des Beratungsunternehmens Booz Allen Hamilton vom Dezember 2006 zufolge nutzen derzeit ca. 12 Millionen Deutsche Web-2.0-Anwendungen. Fünfzig Prozent der aktiven Nutzer gaben an, sich bei Kaufentscheidungen auf Empfehlungen aus Communities, Blogs oder Foren zu verlassen. Um langfristig eine positive Beziehung zu Kunden zu erhalten und im Dialog mit den Kunden zu stehen, sollte auch die Technische Dokumentation die neuen Kommunikationskanäle nutzen.
Dokumentationsprozesse
Insbesondere bei Projekten mit vielen Redakteuren, die eventuell an verschiedenen Standorten arbeiten, ist die interne Kommunikation entscheidend für den Projekterfolg. Innerhalb der Technischen Dokumentation bieten sich Web 2.0-Anwendungen wie Wikis, Blogs und Foren an, um schnell und unkompliziert gemeinsam Wissensplattformen zu realisieren, Projekte zu dokumentieren und Sachfragen zu diskutieren.
Die praktische Erfahrung wird zukünftig zeigen, welche Applikationen sich in der Technischen Dokumentation behaupten, welche eine Nische finden und welche wieder in der Bedeutungslosigkeit verschwinden werden.
Im Folgenden werden einige für die Technische Dokumentation interessante Web-2.0-Applikationen vorgestellt:
Wikis
Die Wiki-Idee entstand bereits 1994. Wiki-Erfinder Ward Cunningham wollte die Kommunikation unter Software-Entwicklern stärken. Technisch gesehen ist ein Wiki eine Server-Software, mit der Inhalte über einen Web-Browser editiert, angesehen und durchsucht werden können. Aufgrund ihrer offenen Struktur passen sich Wikis organisch an die gewünschten Anforderungen an. Ohne langen Planungs- und Schulungsaufwand können schnell große Wissensbasen realisiert werden. Wikis eignen sich sowohl für die Produktdokumentation als auch als Kommunikationsplattform zwischen Redakteuren in der Technischen Dokumentation. Wie Wikis erfolgreich in der Technischen Dokumentation eingesetzt werden können, hat Comet bereits in zahlreichen Projekten bewiesen (siehe auch „Wissensaustausch mit Wikis: Einfach loslegen").

Wiki-Glossar von Comet
Online-Foren
Online-Foren sind im Internet schon lange bekannt und verbreitet. Aufgrund ihrer großen Popularität und der effizienten Möglichkeiten, Kommunikationsbeziehungen aufzubauen und zu pflegen, können sie auch als typische Web-2.0-Anwendungen verstanden werden. Online-Foren sind aus Herstellersicht eine ideale Ergänzung zur Produktdokumentation. Sie liefern wichtige Informationen, um sowohl Kundenzufriedenheit zu messen als auch Kundenwünsche zeitnah zu erkennen. Schon seit einigen Jahren moderiert Comet erfolgreich Foren zu Autorenwerkzeugen (www.author-it.de/forum, www.robo-user.de).

Author-it-Forum von Comet
User Contribution
User Contribution nutzt die wertvollen Erfahrungen von Benutzern und gibt diesen die Möglichkeit, eine im Web veröffentlichte Dokumentation zu kommentieren. Sowohl die Dokumentation als auch das Produkt lassen sich mit Hilfe der User Contribution optimieren, und Benutzer können voneinander lernen. Gute Beispiele sind die Open-Source-Projekte CPAN (search.cpan.org) und PHP.net (php.net).

Beispiel für User Contribution bei CPAN
RSS-Feeds
Um Anwendern aktuelle Produktinformationen, wie beispielsweise Hinweise auf Sicherheitslücken und Updates, zu liefern, bietet es sich an, diese als RSS-Feeds bereitzustellen. Anwender erhalten zeitnah und ohne aktive Recherche die gewünschten Informationen, sofern sie einen entsprechenden RSS-Feed abonniert haben. Ein Beispiel für den Einsatz von RSS-Feeds sind die Flashplayer-Notifications von Adobe (www.adobe.com/support/rss). Comet setzt bereits seit zwei Jahren RSS-Feeds auf dem Fachportal Doku.Info (http://www.doku.info/) ein und informiert Abonnenten über neue Fachartikel.
Office-Anwendungen
Die Idee, komplexe Office-Anwendungen, wie Textverarbeitungs- oder Tabellenkalkulations-programme, ins Web zu verlagern, befindet sich in einem noch frühen Entwicklungsstadium. Bestehende Anwendungen haben bisher eher einen experimentellen Charakter und sind noch nicht ausgereift (z.B. ajaxWrite). Weiterhin gibt es in diesem Zusammenhang noch zahlreiche Bedenken von Unternehmen, sensible Daten außerhalb der eigenen Netzwerke abzulegen.

ajaxWrite-Browser verspricht den Komfort von MS-Word
Fazit
Web 2.0 ist heute mehr als eine vage Idee und bietet die Chance, Kommunikationsprozesse auf unterschiedlichen Ebenen zu verbessern. Aus der Sicht der Technischen Dokumentation gilt es, aktuelle Entwicklungen genau zu beobachten und dahingehend zu prüfen, inwiefern diese hinsichtlich Dokumentationserstellung und Kundenbindung sinnvoll einzusetzen und weiterzuzuverfolgen sind.