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Stolperstein Anglizismen

Die korrekte Anwendung von Anglizismen und deren Problematik waren Thema eines Vortrags von Rainer Komosin (Comet Computer GmbH) auf der tekom-Herbsttagung 2010.

Anglizismen sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Jeder wird mit ihnen konfrontiert; ob wir nun Zeitungen oder Fachzeitschriften lesen, Funk und Fernsehen konsumieren oder uns im Internet bewegen. Gerade der IT-Bereich ist hier neben der Werbebranche ein Vorreiter. Wir sind einer Flut von Anglizismen ausgeliefert, ob wir das nun gutheißen oder nicht. Denn meistens haben wir uns mit ihrer Verwendung abzufinden, sind mehr oder weniger gezwungen, sie zu benutzen, zumal gerade im IT-Bereich die Grenzen zur Fachsprache fließend sind.

Das bedeutet dann aber auch, Anglizismen korrekt anzuwenden, weil wir Qualität liefern wollen und müssen. In unserem Fall sind das fehlerfreie Texte. Hier ist die Fehlerquote erschreckend hoch. Nach Textrecherchen liegt sie in Gebrauchstexten bei 70 % und mehr. Um derartig hohe Fehlerquoten zu vermeiden, genügt es nicht, die Grammatik- und Rechtschreibregeln zu beherrschen. Wir müssen uns fragen, was Anglizismen in deutschen Texten so fehleranfällig macht. Erst dann können wir mit ihnen richtig umgehen. Daher ist die korrekte Anwendung von Anglizismen und deren Problematik Thema dieses Vortrags.

Mit Anglizismen richtig umgehen

Wollen wir Anglizismen richtig verwenden, müssen wir sie zuerst richtig aussprechen und ihre Bedeutung kennen. Dies ist einfach nachzuschlagen. Dann müssen wir sie grammatisch richtig anwenden, das heißt beugen und Substantive zusätzlich nach ihrem Geschlecht bestimmen. Schließlich müssen wir sie richtig schreiben. Deshalb sind die wesentlichen Aspekte dieses Vortrags:

  • Geschlechtsbestimmung bei Substantiven (einschließlich des passenden Artikels) sowie die Beugung (bei Verben: das Konjugieren; bei Substantiven: das Deklinieren)
  • Rechtschreibung
  • Eigennamen und Abkürzungen als Sonderfälle

Grammatische Einbettung

Die meisten Schwierigkeiten bereiten die Substantive, weil sie im Deutschen immer großgeschrieben werden und die deutsche Sprache drei grammatische Geschlechter kennt.

Die Geschlechtsbestimmung – und untrennbar damit verbunden der entsprechende Artikel – wird notwendig, sobald wir ein englisches Substantiv in einen deutschen Text einbetten. Dann wird es wie ein deutsches Wort behandelt, also mit einem Artikel versehen und dekliniert. Denn der artikellose Gebrauch ist nur in wenigen Fällen erlaubt, zum Beispiel im Plural oder in festen Wendungen. Im Englischen ist das viel einfacher: Hier existieren nur die Artikel „the“ (im Singular wie im Plural) und „a/an“.

Für die Geschlechtsbestimmung gibt es keine festen Regeln, sondern nur ein paar Hilfestellungen:

  • sich am Geschlecht des deutschen Übersetzungswortes oder eines sinnverwandten Wortes zu orientieren („mail“ = die Sendung, die Post …)
  • die Bildungsweise des Wortes zu Grunde zu legen; hier besteht die Tendenz, Wörtern mit gleicher Endung das gleiche Geschlecht zu geben („…tion“ = weiblich, „…ing“ = neutral)

Trotzdem kommt es auch zu Schwankungen, die daraus resultieren, dass Abstrakta im Deutschen oft ein neutrales Geschlecht besitzen (die/das E-Mail).

Auch der Deklination können sich substantivische Anglizismen nicht entziehen. Das Genitiv-s und das Plural-s müssen angehängt werden. Ausnahmen gelten nur bei Eigennamen und substantivischen Abkürzungen (siehe dort).

Für Verben gilt ebenfalls die Beugung (Konjugation). Hier ergeben sich die Möglichkeiten, ob es als untrennbares oder trennbares Verb aufgefasst wird, weil das Auswirkungen auf die Stellung im Satz sowie für die Bildung des Partizips hat. Zum Beispiel „downloaden“; als untrennbares Verb benutzt: „ich downloade folgende …“, „ich habe … gedownloadet“; als trennbares Verb benutzt: „ich loade … down“, „ich habe downgeloadet“.

Richtige Schreibung

Das richtige Schreiben ist der schwierigste Komplex, weil hier die Eigenarten beider Sprachen am deutlichsten aufeinanderprallen. Im Englischen werden Substantive in der Regel kleingeschrieben. Außerdem können beliebig viele Wörter unverbunden zu einem neuen Begriff aneinandergereiht werden. Zusammen- und Bindestrichschreibung werden nur in wenigen Ausnahmefällen angewendet.

Im Deutschen hingegen werden Substantive generell großgeschrieben. Es können beliebig lange Wortketten gebildet werden. Sie müssen aber im Gegensatz zum Englischen zusammengeschrieben werden. Werden jedoch deutsche und englische Wörter kombiniert, wird meistens ein Bindestrich benutzt. Deswegen kommen auch alle drei Möglichkeiten der Schreibung von Anglizismen in Betracht: Zusammen-, Bindestrich- und Getrenntschreibung.

Aufgrund der Eigenart des Deutschen, endlos lange Wörter zu bilden, ist auch das Zusammenschreiben von englischen Wörtern in jedem Fall richtig. Aber wem sind Wörter wie „Contentmanagementsystem“ oder „Draganddropfunktion“ zuzumuten? Hier ist die Lesbarkeit nicht mehr gegeben. Deshalb würde hier wohl jeder Bindestriche setzen. Zusammengeschrieben werden daher nur die Wörter, die auch im Englischen zusammengeschrieben werden, zumeist bestehen sie aus kürzeren Wörtern (Homepage, Network usw.).

Die häufigste Schreibweise ist die Bindestrichschreibung. Sie wird angewendet, wenn der Begriff aus drei oder mehr Wörtern besteht (Hot-Site-Backup), oder bei Zusammensetzungen aus deutschen und englischen Wörtern (Time-Sharing-Methode). Ebenfalls mit Bindestrich werden Begriffe geschrieben, die nur aus (längeren) Substantiven bestehen, die auch im Englischen getrennt geschrieben werden (Desktop-Publishing).

Die Getrenntschreibungsregel ist die einfachste Regel; denn es werden nur die englischen Begriffe getrennt geschrieben, die aus einem Adjektiv und einem Substantiv bestehen (Compact Disc, High Tech).

Eigennamen und Abkürzungen

Hier haben sich in Bezug auf Deklination und Artikel Ausnahmeregelungen durchgesetzt. So können subjektivische Abkürzungen grundsätzlich ohne Genitiv-s geschrieben werden (des WWW, des PC). Ein Plural-s wird in der Regel angefügt, um Mehrdeutigkeiten auszuschließen (die URL; ohne „s“: Singular oder Plural?). Bei Eigennamen empfiehlt es sich, auf den Artikel zu verzichten. Manchmal ist es stilistisch geschickt, eine Sachbezeichnung voranzustellen (das Programm PowerPoint). Anstelle des Genitivs kann auf „von + Dativ“ ausgewichen werden (das Betriebssystem von Microsoft).

Anglizismen – eine Gefahr für die deutsche Sprache?

Die deutsche Sprache war immer offen für Fremdwörter: lateinische, griechische und arabische im Mittelalter, französische in der Neuzeit und englische seit der Industrialisierung. Sie wurden assimiliert und zu einem unverzichtbaren Bestandteil unserer Sprache. Hier hat sich das Deutsche immer als flexibel und gastfreundlich erwiesen. Wenn wir Anglizismen korrekt und bewusst einsetzen, kann die deutsche Sprache davon nur profitieren. Dass wir heute mit Anglizismen überhäuft werden – und die neuen Medien tragen mit dazu bei –, sollte nicht überbewertet werden, vielfach stellt sich auch Überdruss ein. Trends kommen und gehen...

Die Präsentationsfolien zum Vortrag können Sie hier herunterladen.

 


17.11.2010
Rainer Komosin
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