Seit Anbeginn der Lichtbildnerei im 19. Jahrhundert lernt jeder Fotograf, den Prozess zu berücksichtigen, der aus der Wirklichkeit vor der Kamera ein Bild in der Kamera und schließlich ein grafisches Ergebnis auf dem Papier erzeugt. Andreas Feininger, berühmter Fotograf und Sohn des Malers Lyonel Feininger, beschreibt in seiner „Hohen Schule der Fotografie" gewisse Anhaltspunkte dafür, dass die Fotografie Wirklichkeit nicht uninterpretiert abbildet. „Die meisten Objekte haben drei Dimensionen - Höhe, Breite und Tiefe -, aber Lichtbilder haben nur zwei, Höhe und Breite. Eine typische Eigenschaft vieler Objekte ist Bewegung, aber ein Foto ist unbewegt, und in Wirklichkeit strahlt direktes Licht, während es auf Fotografien ebenso aussieht wie 'Weiß'." Die fotografische Abbildung der Wirklichkeit erzeugt letztlich also nur eine Illusion, und das Objektiv der Kamera ist alles andere als objektiv. Trotzdem herrscht das Streben, mit der Fotografie der Wirklichkeit möglichst nahezukommen. HDR ist ein neuer Schritt in diese Richtung.


Obwohl richtig (durchschnittlich) belichtet, sieht die Vorlage (oben) für das aussagekräftige HDR-Bild (unten), das aus einem einzigen JPG-Bild erzeugt wurde, recht trübe aus. Die Szenerie ist gewollt surreal: ein Bilderbuch-Amerika in Bonbonfarben, die "Heimat von Ken und Barbie", wie eine Betrachterin treffend kommentierte.
HDR - eine konsequente Weiterentwicklung
Zunächst konnte man mit der Schwarzweißfotografie vom Licht nur Helligkeitswerte schreiben lassen (was ja Fotografie im eigentlichen Sinne bedeutet). Trotz Entwicklung der Stereofotografie (für 3D-Bilder), blieb die Reduktion/Projektion des dreidimensionalen Raums auf die Fläche eines Fotos das gängige Verfahren. Unliebsame Bekanntschaft mit den optischen Gesetzen machte der Fotograf, wenn er Architektur fotografierte und dabei die Kamera nicht rechtwinklig zum Objekt hielt. Je nach Brennweite fingen die vertikalen architektonischen Linien zu stürzen an und entstellten das Gebäude (nur in der menschlichen Wahrnehmung). Dies zu vermeiden, wurde eine aufwändige Perspektivenkorrektur entwickelt. Auch die Umsetzung der Farben in Graustufen musste mühsam erlernt werden. Die Farbfotografie überwand schließlich dieses Problem, bevor die Digitalfotografie eingeleitet wurde. Aber die Gleichsetzung digital=perfekt=echt wäre etwas voreilig gewesen. Denn um sich der Wirklichkeit anzunähern, musste auch der wahrgenommene Kontrastumfang eingefangen werden. Bei der Schwarzweißentwicklung in der Dunkelkammer hatte der klassische Fotograf subtile Möglichkeiten, die Helligkeits- und Kontrastverteilung zu steuern. Und bei der Aufnahme konnten mit Skylight- und UV-Filtern ähnlich dramatische Wolkenhimmel gemalt werden, wie sie heute mit HDR erzielt werden. So entstanden mit einiger Kunstfertigkeit Fotos von erstaunlichem Graustufenreichtum, die noch heute faszinieren. Die einstigen Möglichkeiten gewinnt die Digitalnachbearbeitung mit HDR zurück.
Das HDR-Prinzip
Für ein kontrastoptimiertes HDR-Foto braucht man in der Regel mindestens zwei Ausgangsbilder mit unterschiedlicher Belichtung, einmal auf die Lichter und einmal auf die Schatten. Dienlich ist noch ein drittes Bild mit der richtigen (durchschnittlichen) Belichtung. Die Belichtungsänderung sollte durch die Verschlussgeschwindigkeit, nicht durch die Blende gesteuert werden, weil sonst die Tiefenschärfe variiert. Schon diese Anforderungen zeigen, dass man mit HDR keine schnellen Schnappschüsse machen kann. Da die Ausgangsbilder deckungsgleich sein müssen, kommt man um ein Stativ meist nicht herum. Nur Virtuosen schaffen es, bei mehreren Bildern freihändig in etwa den gleichen Bildausschnitt zu erfassen. Zwar bieten manche HDR-Programme eine Funktion zum Ausrichten leicht verschobener Einzelbilder, aber das kann nicht jene Veränderungen kompensieren, die durch Kippen und Verkanten der Kamera entstehen. Das Ergebnis nicht passgenauer Einzelbilder sind Artefakte und geisterhafte Strukturen, die das HDR-Foto meist unbrauchbar machen. Deckungsgleich werden Einzelbilder natürlich auch nur dann, wenn sich darin nichts bewegt. Allerdings kann man Bewegung auch gezielt einsetzen, um das Bild geisterhaft erscheinen zu lassen.

Man kann Bewegung gezielt einsetzen, um Geister erscheinen zu lassen, wie hier in der Kirche St. Anna in München-Harlaching.
Unter bestimmten Umständen und mit einiger Erfahrung lässt sich auch aus einem einzigen Foto ein HDR-Bild erzeugen. Dabei hilft das so genannte RAW-Format, das gute Kameras bieten. Dieses unkomprimierte Rohformat enthält die Bilddaten ohne ein ausgewogenes Licht-Schatten-Verhältnis, das für ein betrachtbares Bild nötig ist. Diese Bilddaten können dann gezielt unter- und überbelichtet werden und liefern das Ausgangsmaterial für eine HDR-Transformation. Es gibt bereits erste Kameras, die all das leisten und HDR-Fotos quasi auf Knopfdruck erzeugen. Kennt die Kamera kein RAW-Format, bedarf es einiger Tricks, um aus einer einzigen Vorlage doch noch kontrast-unterschiedliche Bilder zu machen.
(Un)wirklicher als die Wirklichkeit
HDR-Fotografie ist synthetisch - im guten wie im schlechten Sinne des Wortes: Sie führt alle Kontrastzonen eines Bildes zusammen und macht sie gleichzeitig sichtbar. Doch indem sie das tut, geht sie über die herkömmlichen Merkmale einer technischen Wirklichkeitsabbildung und vielleicht auch der menschlichen Wahrnehmung hinaus. Und so hat es den Anschein, dass sich bei HDR die Realismus-Debatte wiederholt, die die Fotografie seit jeher begleitet.