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Ein Doku-Dinosaurier erinnert sich

Damals Ende der 70er Jahre waren die Monitore noch grün, Text wurde per Hand oder Schreibmaschine geschrieben, Screenshots mit analoger Kamera angefertigt, es gab noch Bleisatz mit professionellen Setzern, und die Technische Dokumentation wurde noch in Aktenordnern ausgeliefert. Als Doku-Dinosaurier habe ich die ganze Entwicklung mitgemacht: vom Lochkartenstanzer (mit dem ich im 1. Studiensemester noch in Berührung gekommen bin) über Textdateien mit proprietären Auszeichnungssprachen auf Großrechnern, FrameMaker auf der Sun, strukturiertem FrameMaker unter Windows bis hin zu XML und Dokumentenmanagementsystemen.

Es fing an mit handgeschriebenen Entwürfen, von der Sekretärin abgetippt, weitere Verbesserungen handschriftlich hinzugefügt, an die Druckerei übergeben, dort von Setzern abgetippt (das war eine wunderbare Rechtschreib- und Satzzeichenkontrolle), Fahnenabzug an den Redakteur zurück, handschriftliche Verbesserungen eingetragen, wieder an die Druckerei, Einarbeiten der Änderungen, Druck des Handbuchs.

Ich weine diesen Zeiten nicht nach. Die vielen Medienbrüche haben Zeit gekostet, und Zeit war schon immer wenig vorhanden.

Eine erste große Verbesserung waren Textauszeichnungssprachen, wie zum Beispiel ICP. Der Redakteur konnte Text, Screenshots und einfache Bilder als Text erfassen und das Layout mit Anfangs- und End-Tags bestimmen. Dazu der wunderbare Texteditor Maxed (dem ich heute noch nachtrauere) mit ein paar Makros, und fertig war das selbst gestrickte Satzsystem.  Damals konnte man noch kurz vor Abgabe Terminologie- und Layout-Änderungen über Dutzende Dateien jagen, im Zeitalter des Klickens und Einstellens von Eigenschaften in Attributen und Dialogboxen eine Unmöglichkeit. 

Der nächste Schritt Ende der 80er Jahre war FrameMaker, damals noch auf der Sun. Endlich WYSIWYG, automatische Indexerstellung, automatische Inhaltsverzeichnisse; das war schon ein Fortschritt. Der Umstieg auf strukturierten FrameMaker hat die Redakteure dann zu strengerer Einheitlichkeit gezwungen, manchen war das Korsett der Struktur-Elemente auch zu eng.

Zuletzt der Umstieg auf XML als Auszeichnungssprache, macht theoretisch unabhängig vom verwendeten Editor. Für mich ist allerdings FrameMaker auch als XML-Editor immer noch erste Wahl. Die Verwaltung der XML-Dateien in Dokumentenmanagementsystemen erleichtert natürlich große, abteilungsübergreifende Projekte, aber diese Dokumentenmanagementsysteme haben ihre besonderen Tücken. Vor jeder Bearbeitung muss ich zuerst die entsprechende Datei im System finden und auschecken, dann kann ich ändern und am Schluss wieder einchecken. Im Zeitalter der Modularisierung kann dabei eine kleine Terminologieänderung Hunderte von Dateien betreffen. 

Im Laufe der Jahre wurde durch Technikverbesserungen eine Menge Zeit eingespart, aber diese kommt nicht der eigentlichen Redakteursarbeit zugute, sie wird entweder durch die Unzuverlässigkeit der Technik oder durch verkürzte Projektzeiten wieder aufgefressen. 
 


29.11.07
Karin Haag - Technikredakteurin bei Comet Computer
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